Bernhard
Peter
Gestürzte
Wappen
Was ist ein gestürztes Wappen?
Ein gestürztes Wappen ist
nicht etwa ein zu Boden gefallenes Wappen, sondern in der
Heraldik bezeichnet der Begriff "stürzen" den Vorgang
des Umdrehens. Ein gestürztes Wappen ist also ein Wappen, das -
in sich absolut heraldisch richtig dargestellt - um 180 Grad
gedreht dargestellt wird. Solche Wappen wird man nie an Häusern,
Burgen oder Schlössern finden, sondern eher im Bereich der
Funeralheraldik: Auf Grabmälern, Epitaphien, Grabsteinen,
Todesanzeigen, Grabaltären. Hier kennzeichnet das gestürzte
Wappen nicht nur die Tatsache, daß der Wappeninhaber leider von
uns gegangen ist, sondern daß mit ihm auch das Geschlecht
erloschen ist. Erloschen bedeutet, daß es keine Nachfahren
dieses Geschlechtes im Mannesstamme mehr gibt, weibliche
Nachfahren bleiben davon unberührt, aber da Wappenrecht dem
Namensrecht folgt und Heraldik früher streng agnatisch
gehandhabt wurde, galt ein Geschlecht, in dem es keine
männlichen Nachkommen des betreffenden Namens mehr gibt, als
ausgestorben, ungeachtet der eventuell vorhandenen Töchter, die
sich unter anderem Namen strahlender Gesundheit erfreuen. Wichtig
ist auch, daß das nicht nur für die Nachkommen des Verstorbenen
gilt, sondern für das Geschlecht als Ganzes. Wenn der
Verstorbene der Letzte seines Stammes und Namens war, dann kann
der Schild gestürzt werden. Richtig: Es ist ein Kann, kein Muß.
Ein Kann, das vor allem auch von den jeweiligen
zeitgeschichtlichen Umständen abhängt, denn diese Sitte kam
erst spät auf. Ein Gegenbeispiel: Rudolf von Scherenberg,
Bischof von Würzburg: Er war der Letzte seines Stammes, und das
Wappen an seinem Epitaph im Würzburger Dom ist ganz normal
dargestellt.
Es gab auch noch andere Möglichkeiten, auf das Erlöschen eines Stammes hinzuweisen, z. B. indem man das Wappen oder die Platte mit einem künstlichen Riß versah, ein "Zerbrechen des Schildes".

Ein Photo-Beispiel:
Dieses Beispiel stammt aus
Landshut in Bayern: Es ist ein Gedenkstein für Franz Georg
Freiherr von Götzengrien, kurfürstlicher Kämmerer und
Regimentsrat zu Landshut, aus dem Jahre 1721, der in die
nördliche Außenwand der Pfarrkirche St. Martin eingemauert ist.
Die Inschrift benennt den Wappenträger: "Ewig lebente
Gedechtnus Des Freyen Reichs Hochwollgebohrnen Herrn Herrn
Francisci Georgi Henrici Reichs Freiherrn von Götzengrien zu
Furttern und Wolfsegg, Herrn zu Andermanstorff. Der Churfürst
Durchleicht in Bayrn Cammerer und Regiments Rhat Landtshuet,
Welcher den 11. Sept. 1721 in Gott Seelig verschiden ist."
Und sie betont ferner ausdrücklich, daß mit ihm das Geschlecht
erloschen ist: "Diß uralt Ritterliche Haus von Heldenmueth
entsproßen, mit Ihme ist geloschen aus, ligt in der Saarg
verschloße Sein Tugent Sein All. Was die Erde thuet verhillen
wil im Himmel Gott erfillen." Daß es noch weibliche
Anverwandte gab, so starb erst 1755 Frau Cäcilia von Vieregg,
geb. von Götzengrien, die das Wappen Götzengrien im
Allianzwappen auch über den Tod des Franz Georg hinaus führte,
interessiert bei heraldischer Betrachtung nicht: Das Geschlecht
war mit Franz Georg erloschen.
Das Wappen selber, in der unteren Abbildung auf dem Kopf, also wieder lesbar abgebildet, ist das der Freiherren von Götzengrien (Siebmacher, Band Bayern 1 Seite 14 Tafel 11, Götzengien, Gözngrün zu Furtarn). Das Wappen ist geviert:
Das heißt, daß das Wappen Götzengrien anläßlich der Erbschaft geviert wurde, nicht aber bei der Erhebung in den Freiherrenstand im Jahre 1684 weiter verändert wurde. Zwei Helmzieren trägt das Wappen:

Ausschnitt zum besseren Erkennen um 180 Grad gedreht
Ein Ort, wo uns die Familie Götzengrien noch begegnet, ist Tutzing am Westufer des Starnberger Sees: Reichsfreiherr Maximilian Ernst von Götzengrien ließ am Seeufer ein barockes Schloß bauen.
Wo kann man noch gestürzte oder gerissene
Wappen finden?
- Großgründlach bei
Nürnberg, Kirche, Grabmonument von Johann Sigmund Pfinzing von
Henfenfeld 1764, schräg gestürzt, von zwei Putten gehalten
- Kirchensittenbach in Franken, Schloß, Totenschild von Felix
Jakob Tetzel 1736, gestürzt
- Nürnberg, St. Egidien, Tetzelkapelle, Totenschild für den am
7.9.1736 verstorbenen Felix Jakob Tetzel von und zu
Kirchensittenbach mit gestürztem Tetzelwappen, die Helmzier
(Katze) hängt überkopf in die Inschriftentafel hinein
- Öhringen, Stiftskirche, Pfedelbach-Epitaph: Künstlicher Riß
durch die ganze Platte.
- Hahnstätten, Kirche, Epitaph für Johann Nikolaus von Kronberg
- Schloßkapelle in Gern
(Ortsteil von Eggenfelden), Epitaph für Karl Ferdinand Freiherr
von Closen, in einer Nische rechts im Altarraum, mit einem
gestürzten Wappenschild (gevierter Hauptschild mit geviertem
Herzschild)
- Würzburg, Epitaph Johann Philipp
Echters mit gestürztem Wappen als Kennzeichen für das
Erlöschen des Geschlechts 1665, nördliches Seitenschiff des
Doms.
- Hersbruck bei Nürnberg, Pfarrkirche, Totenschild für den 1771
verstorbenen Gustav Gabriel von Thill mit gestürztem Vollwappen
über der Inschriftenkartusche
- Kirche von Strössendorf, Epitaph des Hans von Streitberg,
Letzter seines Geschlechts, mit gestürztem Wappen
- Pömer-Epitaph in der Nürnberger Sebalduskirche, Eintrag des
letzten Namensträgers Georg Friedrich Wilhelm v. Pömer
(1742-1814) mit gemaltem, gestürztem Vollwappen
- gestürztes Paumgartner-Wappen in der Stromer-Stiftung
Nürnberg
- Epitaph des Hans Veit von Absberg, gest. 1647 mit 52 Jahren als
Letzter seines Geschlechtes, in der Kirche von Absberg. Das
gestürzte Vollwappen des Verstorbenen befindet sich in der Mitte
zwischen zwei aufrechten Vollwappen seiner Ehefrauen Maria Jakobe
Greckin von Kochendorf und Maria Salome von Wöllwarth.
- Ein heute unter den Innenhofarkaden des Schlosses Strassburg (bei Gurk im Bezirk Sankt Veit an der Glan in Kärnten) angebrachter Gedenkstein für den 1426 verstorbenen Vinzenz von Straßburg und seine 1469 verstorbene Frau Elsbeth zeigt das Vollwappen des Ehemannes gestürzt, den Beischild der Ehefrau aber aufrecht. Die im Zentralfeld angebrachte Inschrift ist für seine Ehefrau nachgetragen.

Ein gestürzter Helm
Ein Sonderfall ist im Münster
von Konstanz am Bronze-Epitaph
des am 11.5.1580 im Alter von 12 Jahren verstorbenen Georg von
Klingenberg, des letzten Stammhalters dieses einst
einflußreichen bischöflichen Dienstmannengeschlechtes, zu
sehen: Eine Ahnenprobe gibt es und für den Verstorbenen einen
zwar aufrechten Schild, aber mit einem heruntergestürzten Helm.
Der Schild steht aufrecht, leicht schräg nach heraldisch links
geneigt, wohingegen der Helm mit Helmzier auf dem Kopf stehend
heraldisch links daneben steht und sich leicht schräg an den
Schild anlehnt, so als ob er von oben heruntergefallen ist und
auf dem Kopf liegen geblieben ist. Die zugehörige Inschrift
lautet: "ANNO DOMINI M.D.LXXX AVF DEN 11. / MAY STARB DER
EDEL IVNGLING HANS / GEORG VON KLINGENBERG, SEINES / ALERS XII.
IAR, VND IST DER LETZTE / SEINES STAMMENS VND NAMENS, DER / ALHIE
BEGRABEN LIGT, DEME GOTT / DER ALLMECHTIG GNEDIG VNND /
BARHMERTZIG SEIN WOLLE. AMEN."
Ausnahmen vom "Erlöschen"
Ausnahmen gibt es immer: Das
bekannteste Nichterlöschen einer Familie, obwohl sie eigentlich
erloschen war, ist das Haus Habsburg. 1740 war's streng genommen
aus mit den Habsburgern! Denn damals starb Kaiser Karl VI als der
Letzte seines Stammes. Der Name "Habsburg" wurde
trotzdem weitergeben, denn aufgrund der "pragmatischen
Sanktion" vom 19.4.1713 wurde der Name "Habsburg"
über Maria Theresia und ihren Mann, den Herzog von Lothringen,
weitergeführt. Es wurde vom Kaiser darin zu Lebzeiten noch
festgelegt, daß die habsburgischen Länder unteilbar und
untrennbar seien und daß aus diesem Grund eine Primogenitur mit
subsidiärer weiblicher Erbfolge eingeführt wurde. So kam es zur
Bildung des Hauses "Habsburg-Lothringen" - obwohl es
rein formal einen Wechsel zur Dynastie "Lothringen"
gegeben hat. Was im Großen möglich war, ist im Kleinen
unzählige Male vorgekommen, um das Aussterben eines
traditionsreichen Namens zu verhindern; am einfachsten ging das,
indem man sich von der Obrigkeit die Bildung eines Doppelnamens
genehmigen ließ. Und beim heutigen Namensrecht ist es ja erst
recht kein Problem mehr, das Aussterben eines traditionsreichen
Namens zu verhindern.
Literatur und Quellen:
Siebmacher, Band Bayern 1
Seite 14 Tafel 11
Eugen Schöler, Fränkische
Wappen erzählen Geschichte und Geschichten. Verlag Degener 1992.
Eugen Schöler, Historische Familienwappen in Franken, Verlag
Degener 3. Aufl. 1999
Herrn Gebhard Sutter aus Schaffhausen ein herzliches Dankeschön
für wertvolle Hinweise und die Beschreibung des
Klingenberg-Epitaphs zu Konstanz
Herrn Heribert Haber ein herzliches Dankeschön für wertvolle
Hinweise auf die Schloßkapelle in Gern (Eggenfelden)
Herbert Reiners, Das Münster unserer lieben Frau zu Konstanz,
Konstanz 1955
Anton P. Rahrbach, Reichsritter in
Mainfranken. Zu Wappen und Geschichte fränkischer Adelsfamilien.
Bauer & Raspe Verlag - Die Siebmacherschen Wappenbücher, die
Familienwappen deutscher Landschaften und Regionen, Band 2, 2003,
ISBN 3-87947-113-4
Siglinde Buchner, Die ehemalige Turmburg in Dornhausen, in:
Alt-Gunzenhausen, Beiträge zur Geschichte der Stadt und
Umgebung, Heft 65/2010, hrsg. v. Verein für Heimatkunde
Gunzenhausen
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Copyright Text, Graphik und Photos: Bernhard Peter 2007-2010
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